Ein paar allgemeine Hintergrundinformationen

 

Intro

Der Familienverband bietet jedem Sicherheit und Geborgenheit und ist die Grundlage der Gesellschaft. Die jüngeren Mitglieder werden angehalten, die ältere Generation zu verehren und zu unterstützen. Wer gegen ihre traditionellen Regeln verstößt, schließt sich aus der Gemeinschaft aus und verliert damit jede soziale Absicherung. Der Bau von Bewässerungssystemen, Straßen und Tempeln ist, wie die Wahrnehmung anderer übergeordneter Interessen, Aufgabe der ganzen Dorfgemeinschaft.

Das zumeist auch räumlich enge Familienzusammenleben läßt - völlig im Gegensatz zur westlichen Gesellschaft - keinen Platz für individuelle Bedürfnisse, Absonderung und Ruhe. Körperkontakt ist normal und selbstverständlich, und selbst fremden Besuchern gegenüber scheut man davor nicht zurück. Es ist ein Zeichen enger Freundschaft, wenn Männer oder Frauen Hand in Hand durch die Straßen bummeln. Körperkontakte zwischen Männern und Frauen allerdings sind für die Öffentlichkeit tabu. Strenge Verhaltensmuster regeln das Verhältnis der Geschlechter untereinander und es gilt als äußerst unschicklich, Gefühle zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Kinder warden einerseits besonders liebevoll umsorgt, andererseits zu Pflicht und Gehorsam den Eltern gegenüber angehalten. Sie sind bei unzureichender Renten- und Krankenversorgung die einzige Absicherung und Stütze im Alter. Ebenso wie die Eltern genießen auch Lehrer, religiöse und politische Oberhäufter, oft auch Vorgesetzte in Betrieben, unumstößliche Autorität. Kinder aus ärmlichen und zumeist kinderreichen Familien sind oft schon in jungen Jahren gezwungen, die Schule zu verlassen und für ihre Familie zu sorgen. Gerade auch wegen dieser billigen Arbeitskräfte sind Waren und Dienstleistungen in Thailand und in den Ländern der Dritten Welt so preisgünstig sind.

Wo viele Menschen auf engem Raum aufeinander angewiesen sind, ist das Streben nach Harmonie eine mehr oder weniger zentrale Grundlage des Gesellschaftssystems. Konflikte werden, soweit es geht, vermieden. Wer Auseinandersetungen in der Öffentlichkeit austrägt, gilt als rüde und verliert Gesicht. Das gilt auch für Touristen, die allzu leicht ihren Ärger zeigen oder ihre Gastgeber kritisieren. Direkte Ablehnung zu vermeiden ist eine Höflichkeitsgeste, die Europäer oft falsch deuten. Wer Thai um etwas bittet, wird zum Beispiel selten eine Absage bekommen, selbst wenn es nicht möglich ist, der Bitte zu entsprechen. Statt "nein" sagt man aus Höflichkeit lieber "vielleicht" und zeigt durch zögerndes Verhalten seine Ablehnung. Ein Lächeln hilft, manche problematische oder unsichere Situation zu überstehen, ebenso wie die häufig verwandte Formel mai pen rai - was soviel heißt wie "das macht nichts!".

Ein anderes Phänomen, das Reisenden vor allem in ländlichen Regionen deutlich wird, ist, daß die Menschen mit einem völlig anderen Zeitbegriff arbeiten. Planung und Vorausdenken sind nicht so wichtig, wie in der Gegenwart zu leben. Es spielt keine Rolle, ob ein Bus in fünf Minuten oder später abfährt. Geduld ist eine der wichtigsten Tugenden. Was sich hier und jetzt abspielt, ist von größerer Bedeutung - selbst wenn es nur das Warten am Busbahnhof ist -als ein imaginäres Ziel in der Zukunft. Die Zukunft ist genauso wenig real wie die Vergangenheit, also schenkt man beiden wenig Aufmerksamkeit.

Um so unverständlicher erscheint es uns lärmgeplagten Europäern, daß für den Thai auch noch so großer Lärm nicht als unangenehm empfunden wird. Schon um 5.00 Uhr morgens dröhnen die Dorflautsprecher und senden bis 7.00 Uhr Nachrichten und Musik. Bei Festen und Feierlichkeiten wird das gesamte Dorf bis tief in die Nacht beschallt, ohne daß sich ein Thai darüber beschwert. Im Gegenteil: Ruhe und Dunkelheit gelten als unheimlich und werden vermieden.

 

Gäste in einem fremden Land

Schon seit Jahrhunderten sind Weiße in Thailand bekannt. In der Königsstadt Ayutthaya lebten Europäer, Chinesen und Japaner im 17. und 18. Jahrhundert in eigenen Stadtvierteln. Europäische Missionare, Händler, Politiker und Ingenieure dienten den Königen Thailands als Berater und Geschäftspartner. Die Könige Rama IV. und V. waren westlichen Einflüssen gegenüber aufgeschlossen. Da Thailand niemals unter Kolonialherrschaft geriet, lernten die Thai Europäer nur als Gäste in ihrem Land kennen. Es ist daher nicht erstaunlich, daß auch Touristen weitgehend als Gäste des Landes betrachtet werden.

Vor allem außerhalb der Touristenzentren tritt man ihnen offen und mit besonderer Höflichkeit entgegen, wenn sie ihre Verhaltensweise den lokalen Sitten anpassen. Wer den Menschen gegenüber überheblich und intolerant auftritt, wird jedoch nicht selten auf Ablehnung stoßen.

Die Religion spielt im täglichen Leben der Menschen eine bedeutende Rolle - so der Buddhismus bei den Thais und Chinesen und der Islam bei den Malaien im Süden von Thailand. Daneben sind bei den Bergstämmen Naturreligionen weit verbreitet, und selbst bei den Anhängern der "Hochreligionen" ist der Glaube an Geister, Hexen und Magie immer noch lebendig.

In den Städten haben sich die Traditionen vermischt und sind von westlichen Einflüssen überlagert worden, während sie auf dem Lande noch weitgehend ihre Eigenheiten bewahren konnten. In den Großstädten prallen die Kontraste zwischen westlicher und östlicher Kultur, aber auch zwischen Armut und Reichtum aufeinander. Leicht läßt man sich von den modernen Fassaden der Einkaufsstraßen täuschen, hinter denen sich eine andere Realität verbirgt.

Wie verhält sich ein Gast, der beispielsweise in eine Familie eingeladen wird? Wie wir im umgekehrten Fall, erwarten die Menschen von ihren Gästen, daß sie sich den einheimischen Sitten entsprechend verhalten. Natürlich kann ein Tourist nicht alle sozialen Verhaltensweisen und religiösen Sitten der Einheimischen praktizieren, und das wird auch nicht erwartet. Aber schon das Bemühen und das Interesse, das traditionelle Leben der Menschen zu verstehen, wird freundlich aufgenommen und honoriert. Eine Hilfestellung zum richtigen Verhalten kann der "Kultur-Knigge Thailand" oder der Band "Land und Leute, Thailand", von Polyglott sein.

 

Ein paar Besonderheiten

Der Kopf gilt als heilig und sollte nie, auch nicht in europäisch-freundschaftlicher Geste, berührt werden. Der Fuß ist der unedelste Körperteil und darf deshalb nie einem anderen Menschen oder gar einer Buddhastatue entgegengestreckt werden, was bei der asiatischen Sitzweise manchem Europäer Schwierigkeiten bereitet. Die linke Hand gilt als unrein; deshalb benutzt man ausschließlich die rechte Hand, um zu essen, etwas zu geben oder in Empfang zu nehmen. Große Achtung und so manches strahlende Lächeln erwirbt sich ein Ausländer, der beim Geben oder Überreichen die typische "Gebe-Geste" der Thai anwendet: Während die rechte Hand den Gegenstand übergibt, berührt die linke Hand leicht den rechten Unterarm.

Thais begrüßen sich normalerweise nicht per Handschlag, sondern mit einer Geste, bei der die (eigenen) Handinnenflächen gegeneinandergelegt werden: dem wai. Doch ist ein wai nicht nur eine Begrüßung, sondern auch ein Zeichen des Respekts vor anderen. Ausländer sollten bei der Anwendung darauf achten, daß man nicht ein "hohes wai" benutzt, wenn die Person ein Kind, eine Hausangestellte, ein Kellner usw., also eindeutig niedriger gestellt, ist. Es existieren bestimmte Regeln wie ein wai anzuwenden ist: Mönche: gefaltete Hände vor der Stirn. - Ältere: Hände vor der Nase. -Niedriggestellte: Hände vor der Brust. - Höhergestellte: Hände vor dem Mund.

Wenn Thais jemanden heranwinken, wird das von Europäern oft gegenteilig verstanden, denn das Winken mit der abgewinkelten Handfläche ähnelt stark unserer "Hau ab"-Geste.

Wenn ein Thai im Haus oder Tempel zwischen stehenden oder hockenden Menschen hindurchgehen muß, beugt er leicht den Oberkörper nach vorn und hält den rechten Arm schräg nach unten gestreckt, als ob er die Verbindung zwischen den anderen durchschneiden wolle. Wendet ein Ausländer diese respektvolle Geste an, so erntet er viele freundliche Blicke.

Man beurteilt Fremde weitgehend nach der Kleidung - sehr lässige Kleidung oder gar Badekleidung wird außerhalb der Strände nicht geschätzt. Das gilt vor allem für den Besuch von religiösen Stätten. Vor dem Betreten eines Hauses zieht man die Schuhe aus ebenso wie in buddhistischen Tempeln. Besonders während religiöser Zeremonien sollte man sich zurückhaltend verhalten und um Erlaubnis fragen, ehe man fotografiert. Es gilt als unhöflich, vor betenden Gläubigen herumzulaufen, sich über ihre Köpfe zu erheben oder die religiösen Statuen und Anlagen zu erklimmen.

 

Vom Umgang mit Geld

In Touristenläden und Souvenirständen gehört zum Einkaufen auch das Handeln. Vor allem in Bangkok werden häufig höhere Touristenpreise verlangt. Nicht gehandelt wird in Kaufhäusern (hier ist evtl. ein discount möglich), Hotels, Restaurants und in öffentlichen Verkehrsmitteln mit festen Preisen. Unsinnig ist es etwa, den Preis eines Essens vorher herunterzuhandeln - es kann dadurch viel schlechter werden. Wer Obst gar zu billig einkauft, findet schnell ein paar weniger gute oder unreife Stücke in seinem Einkauf.

Jeder Tourist, der nach Thailand kommt, gilt als reich. Wie sonst könnte er sich diese weite Reise leisten? Dennoch sieht man es nicht gern, wenn die westlichen Besucher allzu freigebig ihr Geld verteilen, denn nur gezielte, langfristige Hilfen, und nicht einige Münzen in einer ausgestreckten Hand, können die Lebenssituation der Menschen verändern.

Betteln ist vielfach verpönt und sollte nicht gefördert werden. Eine Ausnahme sind körperbehinderte Bettler und alte Menschen. Wenn an den Tempeltoren um eine Spende gebeten wird oder in buddhistischen Ländern morgens die Mönche durch die Straßen ziehen, um die Gaben der Gläubigen entgegenzunehmen, sollte man das nicht mit Betteln gleichsetzen. Denn es ist für die Gläubigen eine besondere Gunst, sich durch die freiwillige Gabe einen Verdienst erwerben zu können, wofür sie sich bei den Mönchen bedanken.

 

Menschen fotografieren

Daß man die Kamera wie eine Waffe handhaben kann und sie auch wie eine solche empfunden werden kann, wissen wir nicht erst seitdem der Tourismus die Dritte Welt entdeckt hat. Gerade das Fotografieren von Menschen erfordert Respekt und Sensibilität. Oft genügt es schon, sich vorzustellen, wie das ist, eine Kamera auf sich gerichtet zu fühlen, noch dazu bei so privaten Tätigkeiten wie essen, schlafen, beten oder Feste feiern. Sich wegen eines guten Schnappschusses dazwischenzudrängen, ist mehr als grob und unhöflich. Die elementarsten Regeln der Gastfreundschaft sollten auch hier eingehalten werden, sich diskret im Hintergrund zu halten ist nur eine davon. Mit Geld oder Geschenken Bilder zu erkaufen, ist eine entwürdigende Instrumentalisierung und wird auch so empfunden. Wenn man schon meint, unbedingt ganz nah herangehen zu müssen, so ist es das mindeste, sein Gegenüber um Erlaubnis zu fragen. Und auch hier bewahrheitet sich die asiatische Regel, daß ein Lächeln und ein paar freundliche Worte die Situation enorm entspannen und viele Hindernisse aus dem Weg räumen.

 

 

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Autoren Richard und Ursula Doring