Kurz nach Sonnenaufgang ziehen die in safrangelben Roben gekleideten Mönche durch die Straßen, um Opfergaben von den Gläubigen - meist in Form von Lebensmitteln - entgegenzunehmen. Mit ihren Spenden erwerben sich die Geber Verdienste für ihr zukünftiges Leben, so daß sie sich ehrfürchtig und wortlos bei den Mönchen für die erwiesene Gunst bedanken.

Ist ein Haus fertiggestellt oder wird ein Geschäft eröffnet, lädt man eine Gruppe von Mönchen ein, die durch ihre Anwesenheit und Gebete Glück bringen sollen. Für die Ausstattung der Tempel ist die Bevölkerung bereit, große finanzielle Opfer zu bringen. Zumindest für einige Monate nehmen die meisten Männer, einschließlich des Königs, und einige Frauen freiwillig das entbehrungsreiche, strenge Klosterleben auf sich. Auch außerhalb der Klostermauern prägt der Buddhismus das Leben.

 

Thailand gehört neben Myanmar, Sri Lanka, Kambodscha und Laos zu den buddhistischen Ländern der Theravada-Richtung, die der konservativen Hinayana-Lehre vom "kleinen Fahrzeug” zugehören. Während der Mahayana-Buddhismus (das "große Fahrzeug”) der nördlichen Länder China, Japan, Korea und Vietnam viele Wege zur Erlösung akzeptiert, orientieren sich die Lehren des Hinayana-Buddhismus streng an den überlieferten Pali-Schriften.

Obwohl in Thailand die Freiheit der Religionsausübung garantiert wird, ist der Buddhismus eine Art Staatsreligion. In Thailand bekennen sich 85% der Bevölkerung zum Buddhismus, darunter eine konfuzianistische, chinesische Minderheit. Vor allem im Süden leben etwa 7 Mill. Moslems, während Christen und Animisten überwiegend bei den Bergvölkern im Norden zu finden sind.

 

Buddha

Um 563 vor unserer Zeitrechnung wurde in Lumbini (heute Süd-Nepal), am Fuße des Himalaja, ein Prinz geboren - Siddhartha Gautama. Seine Mutter Mahamaya, die sieben Tage nach der Geburt starb, hatte während ihrer Schwangerschaft einen Traum, daß ein silberweißer Elefant seitlich in ihren Körper eingedrungen war. Hindu-Priester interpretierten ihn als Hinweis auf die Geburt eines großen Herrschers oder Buddhas. Sein Vater erzog ihn zu seinem Nachfolger und umgab ihn mit allem Luxus.

Im Alter von 16 Jahren heiratete er seine Cousine, eine hübsche Prinzessin, die einen Sohn bekam. Dennoch blieb ihm das menschliche Leid nicht verborgen. Die Legende berichtet, daß er nach dem Anblick eines alten, eines kranken und eines toten Mannes an seinem 29. Geburtstag beschloß, den irdischen Genüssen zu entsagen und als Bettelmönch durch Nord-Indien zu ziehen.

Nach sechs Jahren der Meditation und Selbstkasteiungen erlangte er während einer Vollmondnacht 528 v. Chr. durch Meditationsübungen unter einem Bodhi-Baum (Ficus religiosa) in dem heutigen Bodh Gaya die Erleuchtung (bodhi).

Er begann, im Hirschpark Isipatana nahe Varanasi, den ersten fünf Jüngern seine Erkenntnis von den Vier Edlen Wahrheiten, dem Leiden, seiner Ursache, der Überwindung des Leidens und dem Weg dorthin darzulegen.

 

Der Edle Achtfältige Pfad  

Die Überwindung des menschlichen Leidens erreicht man weder durch Selbstkasteiung noch durch ein ausschweifendes Leben, sondern auf dem "Mittleren Weg” durch den Edlen Achtfältigen Pfad.

Da sich die Welt in ständiger Veränderung befindet, kann nichts von Dauer sein. Entsprechend gibt es keine unveränderlichen Dinge - aus Altem entspringt ständig etwas Neues, das durch das Vorangegangene bedingt ist. Die menschliche Wirklichkeit beginnt schon mit der Geburt als ein schmerzhaftes Dasein - und Leiden bestimmt das weitere Leben und den Tod. Selbst in glücklichen Situationen wird man von Verlustängsten geplagt. Mit dem Tod ergibt sich die Möglichkeit einer neuen Geburt, die wiederum einen neuen Leidenszyklus einleitet. Nur die Erkenntnis vom Ursprung des Leidens und den Möglichkeiten seiner Veränderung ermöglicht es dem Menschen, sich zu befreien.

Der Ursprung allen Leidens liegt in der Begierde nach weltlichen Genüssen und der Unzulänglichkeit, Egoismus und Stolz, die Schwächen seines eigenen Ich, zu beherrschen. Wer ausschließlich nach weltlichen Genüssen strebt, wird die zerstörerischen Kräfte von Haß, Gier, Unzufriedenheit, Angst und Trauer erfahren. Menschen sind ein Produkt ihrer Umwelt. Da sie durch individuelle Erfahrungen und Handlungen geprägt sind, sollten sie die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit nicht dem Zufall überlassen sondern selbst in die Hand nehmen. Das Ziel des geistigen Reifeprozesses liegt im Nirvana, in dem man sich von allen Voreingenommenheiten befreit hat. Mit der Loslösung von weltlichen Genüssen und egoistischen Bedürfnissen und dem Bemühen, geduldig, liebevoll, wohltätig, mitfühlend und gütig zu sein, wird man zufrieden und erreicht einen emotional positiven Zustand.

Damit ist jeder Mensch in der Lage, zu einem höheren Wissen über den Zustand der Welt zu gelangen und sein Karma zu verbessern. Dem Ziel nähert man sich durch ständiges Einüben der acht Regeln vom Edlen Achtfältigen Pfad.

  • Richtige Erkenntnis indem man seine geistigen Fähigkeiten nutzt, um die wahren Probleme der menschlichen Existenz zu verstehen.
  • Rechtes Denken ohne Haß, Zorn, Begierde, Grausamkeit und Stolz.
  • Rechte Rede bei der man Lügen und eitle Selbstdarstellung meidet.
  • Rechte Tat Mönche unterliegen strengen Verhaltensregeln als Laien, die nicht töten und stehlen, sowie Drogen und sexuelle Ausschweifungen meiden sollten.
  • Rechter Lebenserwerb man soll sein Geld verdienen ohne anderen Menschen zu schaden.
  • Rechte Anstrengung um mit seinem Willen und seiner Selbstbeherrschung eine unheilvolle geistige Verfassung zu überwinden.
  • Rechte Achtsamkeit um durch Vertiefung und Meditation Selbsterkenntnis zu erlangen.
  • Rechte Konzentration damit man lernt, sich in Gedanken zu vertiefen ohne abzuschweifen.
  • Nur so nähert man sich dem Nirvana, dem vollendeten Zustand der Ruhe und des Glücks im Leersein, der jenseits der erfahrbaren räumlichen wie zeitlichen Realität liegt.

     

    Buddhismus in Thailand 

    256 Jahre nach Buddhas Tod nahm der über den indischen Kontinent herrschende, mächtige KaiserAshoka die Lehre an. Er sorgte für ihre Verbreitung weit über Indien hinaus. Die mündlich überlieferten Regeln wurden erst 400 Jahre nach Buddhas Tod schriftlich auf Palmblätter in der Pali-Schrift festgehalten. Diese Aufzeichnungen sind als Tripitaka, Dreikorb, bekannt, da sie in drei Körben aufbewahrt wurden. Bereits während der ersten 300 Jahre nach Verkündung der Lehre spaltete sich der Buddhismus in die sogenannten 18 Schulen. Als Überlieferer der alten Schule gilt der Theravada-Buddhismus.

    Buddhistische Mönche gelangten bis zu den Mon, deren Reiche sich von Süd-Burma bis in die Gegend von Nakhon Pathom erstreckten. Im 8. Jahrhundert entstand in Lamphun das buddhistische Mon-Königreich Haripunchai, während dieser Zeit waren Thaton und Pegu die Zentren der dem Mahayana-Buddhismus zugehörigen Mon in Burma.

    In Thailand erlangte der Buddhismus erst Bedeutung, unter König Ramkhamhaeng. Der König ließ Mönche aus Ceylon kommen, um die reine buddhistische Lehre der Hinayana-Richtung, des "kleinen Fahrzeugs”, zu verbreiten. Während der folgenden Jahrhunderte waren die Könige bedeutende Förderer des Buddhismus, und noch heute bestehen enge Verbindungen zwischen dem Staat und der Sangha. Der thailändische König ernennt das religiöse Oberhaupt des Landes, wobei der Patriarch allerdings zuvor von Vertretern der beiden buddhistischen Sekten des Landes, Mahanikaya und Dhammayuttika-Nikaya, gewählt wird. Auch bei den großen religiösen Festen kommt dem König eine wichtige Rolle zu.

    Neben der streng an den Pali-Schriften orientierten Lehre wurden vom Volksglauben Geister, mystische Einflüsse, Erzählungen und Legenden aus vorbuddhistischer Zeit mit übernommen, was besonders in der religiösen Kunst und Literatur zum Ausdruck kommt. Nats, die als Verkörperung unheilverbreitender Seelen von Verstorbenen gelten, findet man in vielen Tempeln. Neben jedem Haus wird für die Schutzgeister ein eigenes kleines "Geisterhäuschen” errichtet. Sogar in buddhistischen Tempeln haben Amulett-Verkäufer und Handleser ihren festen Platz.

     

    Das Klosterleben 

    Doch noch immer stellt die Gemeinschaft der Mönche (sangha) die Verkörperung der reinen Lehre dar. Alle männlichen Thai treten mindestens einmal in ihrem Leben ins Kloster ein. Mit Beginn der Regenzeit bereiten sich viele junge Männer, die meist das 20. Lebensjahr vollendet haben, auf das Klosterleben vor. Für sie ist die mit der Ordination beginnende dreimonatige Zeit als Mönch der symbolische Übergang in die Welt der Erwachsenen. In 40 000 Tempeln leben über 240 000 Mönche und 100 000 Novizen (junge, noch nicht volljährige Mönche) und unterwerfen sich den 227 strengen buddhistischen Regeln. Sie verzichten unter anderem auf jedes Eigentum, dürfen weder Menschen noch Tiere verletzen, nicht in bequemen Betten schlafen, singen oder tanzen, kein Parfum benutzen und müssen ein striktes Zölibat befolgen. Ihre Mahlzeiten, die sie nur vor 12.00 Uhr mittags und nach Sonnenuntergang einnehmen dürfen, erhalten sie am frühen Morgen von den Gläubigen. Mönche sollen sich von allen irdischen Verlockungen lösen, so durften sie ursprünglich nicht einmal mit einer Frau sprechen.

    Dorfklöster sind nicht nur religiöse Zentren, sondern auch kostenlose Herbergen für die Alten, Waisen und Reisenden. Zudem stellen sie eineAlternative zum öffentlichen Schulsystem dar. Viele Bauernsöhne bleiben Mönch, um nach der 4 - 6jährigen Grundschulzeit eine weiterführende Bildung zu erhalten. Gerade in diesem Jahrhundert ist es zu einer zunehmenden Verschulung des Mönchsordens gekommen. In den Anfängerkursen mit Abschlußprüfung steht eine Einführung in die buddhistische Lehre auf dem Programm. Die folgenden Kurse konzentrieren sich auf das Pali-Studium, die Sprache des Theravada Buddhismus.

    Die Sangha unterhält in Bangkok zwei buddhistische Universitäten, wo auch weltliche Studienkurse angeboten werden, soweit sie mit dem Leben der Mönche in irgendeinem Zusammenhang stehen. So macht man zum Beispiel die Mönche mit den sozialen Problemen der ländlichen Entwicklung vertraut.

    Mit der Ordination zum Mönch wird jeder Thai zu einer geehrten und respektierten Persönlichkeit, und es entspricht selbst der Würde des Königs, einem Bauernsohn als Mönch Respekt zu bezeugen. Das beruht auf der Tatsache, daß der Mönch nicht als Individuum, sondern als Vertreter des buddhistischen Ideals angesehen wird. Um ihre individuellen Züge zu verbergen, halten Mönche bei bestimmten Ritualen fächerartige Schirme vor ihr Gesicht.

    Das Klosterleben steht den Frauen nur eingeschränkt offen. Buddhistische Nonnen gehören weder einem Orden an noch können sie Rechte und Privilegien beanspruchen. Während es im ursprünglichen Buddhismus dafür keinerlei Rechtfertigung gibt, ist zu späteren Zeiten versucht worden, die Lehre entsprechend zu interpretieren.

     

    Buddhismus und Tourismus

    Patong

    Wir können nicht weiter auf die Lehre des Buddhismus eingehen, wollen aber einige Verhaltenstips geben, die sich auf den religiösen Bereich beziehen.

  • Prinzipiell sollte jeder die Religion seines Gastlandes respektieren, egal welche Meinung man selbst darüber hat. Es sollte selbstverständlich sein, daß man einen Tempel nur ordentlich bekleidet betritt und die Schuhe auszieht.
  • Buddha ist immer eine heilige Person, und es gilt als äußerst unschicklich, eine Buddha-Statue an einem ihr nicht angemessenen Ort zu plazieren.
  • Im Tempel darf man keine Buddha-Statuen berühren und schon gar nicht für Erinnerungsfotos darauf posieren.
  • Es ist üblich, daß Besucher eines Tempels eine Spende für den Erhalt der Anlage hinterlassen.
  • Mönche werden verehrt. Man grüßt sie mit einem besonders höflichen, tiefen wai, läßt ihnen den Vortritt und geht nicht neben, sondern einen Schritt hinter ihnen.
  • Frauen sollten Mönchen gegenüber zurückhaltend sein, ihnen nichts direkt überreichen, sie nicht berühren, sich nicht neben sie setzen oder mit ihnen fotografieren lassen.
  • Während morgens zur Zeit des Sonnenaufgangs die Mönche durch die Straßen ziehen, um Opfergaben einzusammeln, sollte man sie nicht stören.
  • Gibt man einem Kloster oder einem Mönch eine Spende, sollte man sie mit beiden Händen, und nicht halbherzig (= mit einer Hand) geben. Einen Dank darf man nicht erwarten. Normalerweise danken die Gläubigen für die Annahme der Spende, da ihnen so eine gute Tat ermöglicht wurde.
  • Für Buddhisten ist der Kopf (im Gegensatz zum Fuß) ein heiliger Körperteil. Deshalb sollte man nie einem erwachsenen Thai an den Kopf fassen, ihm die Füße entgegenstrecken, die Füße aufs Armaturenbrett im Bus legen oder Gepäckstücke ins Gepäcknetz über die Köpfe der Mitreisenden wuchten, ohne sie vorher zu fragen.
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    Entwurf Yvonne Schmitz
    CopyrightTexte Stefan Loose Verlag Berlin 1997
    Autoren Richard und Ursula Doring